Erkundigst du dich bei Kontrabassist*innen, ob sie Noten lesen können, werden sie sich womöglich an den Kopf greifen. Für sie ist Notenlesen so selbstverständlich wie das Sprechen. Bei Sänger*innen hingegen sieht das oft anders aus. Wieso tun sich Sänger*innen mit Noten schwerer? Und was wäre die Alternative?
Die Alternative zum Notenlesen ist das Hören. Wir schalten dafür also einen komplett anderen Sinn ein. Wir Menschen sind sehr visuell. Deshalb können wir Informationen schneller und effizienter aufnehmen, wenn sie uns vorliegen und wir unser Lesetempo selbst steuern können. Eine Aufnahme hat ein festgelegtes Tempo; du bist gezwungen, dir die gleiche Stelle immer wieder anzuhören, bis sie in deinem musikalischen Gedächtnis hängen bleibt. Ist das nicht umständlicher und langwieriger als Notenlesen zu lernen?
Tatsächlich bevorzugen viele Schüler*innen das "Runterhören", um Melodien nachzusingen oder Rhythmen nachzuspielen. Der Vorteil des Hörens ist, sich bewusst vom visuellen Sinn zu lösen und den Ohren zu vertrauen. Leider sind wir oft nebenbei abgelenkt. Wie oft versuchen Schüler*innen, Songs beim Autofahren zu lernen, ihre Stimme beim Putzen aufzuwärmen oder die Playlist auf dem Weg zur Arbeit anzuhören? Wie viel Prozent des auditiven Erlebnisses gehen dabei verloren?
Was die wenigsten tun, ist, sich allein der Musik zu widmen und wahrzunehmen, was wirklich passiert. Was macht die Sängerin im 5. Takt? Nutzt sie Brust-, Kopf- oder Mischstimme? Ist es ein Twang oder Belt? Welche Stimmung will sie uns mit diesem Song vermitteln? All das sind Fragen, die Noten allein nicht beantworten können – hier hilft nur das genaue Hinhören.
In unserem Chor in Wien, The Choral Starters, machen wir deshalb auch gerne mal das Licht aus, um die Mitglieder vom Notenblatt zu lösen und sie ganz auf sich und die Gruppe einzulassen.
Notenlesen hat ganz andere Qualitäten.
Schneller Überblick: Du kannst dir sofort ein Bild vom Song machen, ohne ihn je gehört zu haben. Du erkennst Taktart, Tonart, Tempo, Melodie, Rhythmus, Akkorde, Text und den ganzen Aufbau. Bei manchen Notenblättern sogar den Musikstil.
Keine Verpflichtung zum "Blattlesen": Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Das schnelle Blattlesen ist hauptsächlich für professionelle Chöre wichtig, die große Partituren bewältigen müssen. Für den Einzelunterricht nehmen wir uns die Zeit und spielen einen Teil der Melodie vor, damit du sie nachsingen kannst.
Bessere Kommunikation: Stell dir vor, du singst mit einer Band. Wie viel einfacher ist es, zu sagen: „Lasst uns nochmal bei Takt 12 einsetzen“ oder „Der Akkord in Takt 26 klingt komisch“, wenn du das Notenblatt verstehst. Notenlesen hilft dir, mit anderen Musiker*innen auf Augenhöhe zu kommunizieren.
Orientierung im Chor: Vor allem im Chor kann das Notenlesen eine große Hilfe sein, da die Chormitglieder verschiedene Stimmen singen. Wenn fünf Stimmen unterschiedliche Dinge tun, kann das Ohr sie oft nicht mehr gut auseinanderhalten. Die Noten geben dir die nötige Orientierung.
Musik ist wie eine Sprache. Der beste Weg, eine Sprache zu lernen, ist, sie zu sprechen, aber auch zu lesen und zu schreiben.
Musiktheorie ist kein Regelwerk, das dich fesselt, sondern ein Kompass, der dir den Weg weist. Sie ist eine wertvolle Wegbegleiterin, die deine künstlerische Freiheit nicht einschränkt, sondern sie bereichert.
Wenn du die Theorie mit der Praxis verbindest, singst du nicht nur, du erlebst die Musik mit einem tiefen Verständnis und purer Freude. Du wirst entdecken, was alles in dir steckt, und so einen wichtigen Baustein auf deinem ganzheitlichen Gesangsweg hinzufügen.
Gib den Noten eine Chance! Gib der Kommunikation mit der Musik eine Chance, indem du dich neugierig auf die Notenwelt und ihre "schwarzen Knödel" einlässt. Noten und Musiktheorie haben oft einen schlechteren Ruf als sie verdienen. Der Aufwand, das Grundlegendste zu lernen, ist vergleichsweise gering und kann dir einen riesigen Nutzen bringen.
Singen ist eine Kunst, die sowohl Herz als auch Verstand verbindet. Während das Gehör uns den intuitiven Zugang zur Musik ermöglicht, gibt uns die Musiktheorie den Kompass an die Hand, um unsere musikalische Reise zu navigieren.
Es geht nicht darum, sich zwischen dem Singen nach Gehör und dem Notenlesen zu entscheiden. Es geht darum, beides zu vereinen. Wenn du dich traust, die Noten als Sprache zu sehen und die Theorie als Werkzeug für deine Kreativität, wirst du nicht nur deine Stimme finden, sondern die Musik mit all ihren Facetten wirklich verstehen und mit Freude beherrschen.
Egal, ob du dich bei uns für den Einzelunterricht (Neulengbach) oder den Chor (Wien/Neulengbach) entscheidest, bei uns hast du die Möglichkeit beide Formen des Singenlernens zu erleben.